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                    <TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><text xml:lang="deu"><body><div type="translation" xml:lang="deu" n="urn:cts:greekLit:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1"><div type="textpart" subtype="book" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1" n="1"><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1" n="80"><div type="textpart" subtype="section" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1.80" n="1"><p>Lacedämonier! Ich habe schon zu viele Kriege mitgemacht, sowie auch ihr, die
                Genossen meiner Jahre, als dass wir noch mit dein grossen Haufen aus Vorwitz oder
                auch in der Hoffnung auf Vortheile und auf geringen Widerstand nach solcher Kurzweil
                verlangen sollten. Und dass dieser Krieg, über den wir jetzt rathschlagen, kein
                gewöhnlicher werden wird, das dürfte uns eine besonnene Ueberlegung lehren. Gegen
                Peloponnesier freilich, unsere Nachbarn, führen wir gleiche Waffen und können in
                wenig Zeit jeden Angriffspunkt erreichen. Aber gegen ein Volk, dessen Land entfernt
                liegt, das überdies die erste Seemacht besitzt und in jeder Hinsicht über die
                reichsten Hülfsmittel gebietet, über Staats- und Privatvermögen, über Schiffe,
                Reiterei und Fussvolk und eine Bevölkerung, so zahlreich, wie sie keine zweite Stadt
                Griechenlands aufzuweisen hat, ein Volk, dem so viele zinspflichtige Unterthanen
                gehorchen, — wie dürfen wir gegen ein solches leichtsinnig Krieg anfangen, und
                worauf rechnet die Ungeduld, welche auch die Rüstung entrathen zu können meint? Auf
                unsere Flotte, die so viel schwächer ist? Denn wollten wir uns auch üben und die
                gleiche Rüstung aufbringen, so kostet das Zeit. Oder auf unsere Geldmittel? Daran
                gebricht es uns aber noch viel mehr; der Staat ist arm, und aus dem Privatvermögen
                steuern wir auch nicht gerne. </p></div></div><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1" n="81"><div type="textpart" subtype="section" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1.81" n="1"><p>Man könnte einwenden, dass wir ihnen durch unser Fussvolk, unsere Anzahl weit
                überlegen sind, und so ihr Land unsem verwüstenden Einfällen offen <pb/> steht.
                Allein sie besitzen auswärts Unterthanenland genug und können ihre Bedürfnisse zur
                See beziehen. Oder endlich wir wollten die Bundesgenossen zum Abfall bringen, so
                brauchen wir wieder eine Flotte zu deren Beistand, da sie meistens Inselbewohner
                sind. Was wird also unser warten in diesem Kriege? Denn ohne Ueberlegenheit zur See
                und ohne sie der Einkünfte zu berauben, von denen sie ihr Schiffsvolk unterhalten,
                werden wir fast überall im Nachtheil sein. Und dann ist es auch zu einem ehrenvollen
                Frieden zu spät, zumal wenn wir die Hauptschuld an dem Ausbruch des Kampfes tragen.
                Denn mit der Hoffnung, wie gesagt, soll sich niemand schmeicheln, dass der Krieg
                schnell beendigt werden kann, wenn wir ihr Land verheeren. Eher, fürchte ich, werden
                wir ihn unsern Kindern hinterlassen müssen. So gewiss wird der athenische Stolz sich
                nicht von dem Lande beherrschen oder gleich Weibern durch die Kriegsgefahr
                einschüchtern lassen. </p></div></div><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1" n="82"><div type="textpart" subtype="section" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1.82" n="1"><p>Indessen rathe ich keineswegs, ihren Mishandlungen unserer Bundesgenossen
                gleichgültig zuzusehen und ihnen ihre Umtriebe hingehen zu lassen, sondern das
                Schwert noch in der Scheide zu behalten, dagegen in Athen ernste Vorstellungen zu
                machen, ohne offene Kriegsdrohung, aber ohne uns auch etwas zu vergeben; unterdes
                aber uns gleichfalls in Verfassung zu setzen und Bundesgenossen zu werben,
                gleichviel ob Griechen oder Barbaren, wo wir nur eine Verstärkung an Schiffen oder
                Geld gewinnen können. Wer es mit einem lauernden Feinde zu thun hat, wie wir mit den
                Athenern, hat allen Fug, nicht blos mit Griechen, sondern auch mit Barbaren zu
                seiner Selbsterhaltung sich zu verbünden. Zugleich aber müssen wir selbst uns
                rüsten. Lassen sie sich weisen und hören auf unsere Gesandten, desto besser; im
                andern Falle ist es nach zwei oder drei Jahren nicht zu spät, wenn es sein muss, sie
                dann in besserer Kriegsverfassung anzugreifen. Möglich indes, wenn sie unsre
                Bereitschaft sehen und die nachdrückliche Sprache, die wir führen, dass sie doch
                noch nachgeben, so lange ihr Land nicht verheert ist und sie noch über ihr gesamtes,
                unversehrtes Eigenthum verfügen. Denn ihr Land ist nur wie ein Pfand in unsern
                Händen, und dies in dem Masse, je besser es angebaut ist. Darum müssen wir es
                schonen so lange als möglich und uns nicht diese Handhabe rauben, indem wir sie zum
                Aeussersten treiben. Demi eine übereilte Verwüstung desselben, ohne Vorbereitung,
                blos auf die Beschwerden der Bundesgenossen hin, würde sicherlich dem Peloponnes nur
                noch mehr Schande und Schaden bereiten. Streitigkeiten zwischen Staaten wie zwischen
                Einzelnen lassen sich schlichten; wenn <pb/> aber erst ein Staatenbund für
                Sonderinteressen einen Krieg angefangen hat, dessen Ausgang niemand abzusehen
                vermag, dann ist es nicht mehr leicht, ihn mit Ehren beizulegen. </p></div></div><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1" n="83"><div type="textpart" subtype="section" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1.83" n="1"><p>Sehe keiner Feigheit darin, dass eine solche Anzahl von Städten sich erst besinnen
                soll, eine einzige anzugreifen. Hat ja auch Athen eben so viele tributzahlende
                Bundesgenossen, und in diesem Kriege gibt nicht die Wehr-, sondern die Steuerkraft
                den Ausschlag, welche jene erst wirksam macht, besonders bei einer Landmacht einem
                Seestaat gegenüber. Nehmen wir uns also Zeit sie auszubeuten und widerstehen wir bis
                dahin allen Anreizungen der Bundesgenossen. Und weil wir wegen des glücklichen oder
                unglücklichen Ausganges die Hauptverantwortung zu tragen haben, so lasst uns solchen
                auch ohne Uebereilung gehörig abwägen. </p></div></div><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1" n="84"><div type="textpart" subtype="section" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1.84" n="1"><p>Zumal der Vorwurf der Langsamkeit und Unentschlossenheit, den sie uns immer machen,
                kann euch ruhig lassen. Wozu eilen, wenn ihr dadurch nur später zum Ziele kommt,
                weil ihr unvorbereitet begonnen? Und dann, steht nicht Sparta frei und ruhmreich da
                von alters her? Wie oft ist auch dies Zögern nur der Ausdruck selbstbewusster
                Besonnenheit!</p><p>Uns wenigstens bewahrt es vor der sonst gewöhnlichen Ueberhebung im Glücke und im
                Unglück vor der plötzlichen Muthlosigkeit; will man durch Schmeichelei gegen unsere
                Ueberzeugung uns zu einem Wagnis verlocken<note xml:lang="mul" n="3" place="unspecified"/> , so lassen wir <pb/> uns nicht durch Ehrgeiz fortreissen,
                oder wenn man dann mit Vorwürfen uns in Harnisch bringen will<note xml:lang="mul" n="4" place="unspecified"/> , eben sowenig aus verletztem Ehrgefühl überreden.
                Beides im Feld wie im Rath ist uns die Bescheidenheit gut. Im Feld; denn
                Besonnenheit ist vor allem die Mutter der Scham, Ehrgefühl aber die des Muthes. Im
                Rathe; denn unsere Erziehung ist zu eingezogen, um uns besser zu dünken als das
                Gesetz, zu rauh und strenge, um ihm ungehorsam zu sein; sie bewahrt uns vor der
                eiteln Afterklugheit, welche die Macht des Feindes trefflich herabsetzen, aber im
                Ernst es doch nicht mit ihr aufnehmen kann<note xml:lang="mul" n="5" place="unspecified"/> ; sie lässt uns nicht vergessen, dass der Gegner ebenfalls
                seinen Verstand hat<note xml:lang="mul" n="6" place="unspecified"/> , besondere
                Glücksfälle aber sich nicht wahrsagen lassen, dass wir also stets dem Gegner
                Ueberlegung zutrauen und darnach unsere Vorbereitungen treffen müssen. Baue niemand
                seine Hoffnungen auf dessen muth- <pb n="7"/> massliche Fehler, sondern allein auf
                die eigenen Vorsichtsmassregeln, noch glaube er, dass ein Mensch vor dem andern viel
                voraus habe, sondern (gerade) der der Tüchtigste sei, den die Schule der Noth
                  gebildet<note xml:lang="mul" n="7" place="unspecified"/> . </p></div></div><div type="textpart" subtype="chapter" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1" n="85"><div type="textpart" subtype="section" xml:base="cts:urn:tlg0003.tlg001.1st1K-ger1:1.85" n="1"><p>Diesen Grundsätzen, die wir von unsern Vätern überkommen und selber stets bewährt
                erfunden haben, lasst uns nicht ungetreu werden und nicht binnen weniger Stunden
                über so viel Menschenleben und Eigenthum, über Staatenglück und Ehre einen
                übereilten Beschluss fassen, sondern uns Zeit nehmen. Wir haben den Vortheil der
                Macht, um nichts zu versäumen. Nach Athen also sendet wegen Potidäas und wegen der
                Beschwerden der Bundesgenossen, besonders da sie eine gerichtliche Entscheidung
                nicht ablehnen. Wer diese anbietet, den hat man kein Recht als bereits Verurtheilten
                anzugreifen. Aber zugleich rüstet euch auch zum Kriege. Dies ist das Beste, was ihr
                beschliessen könnt, und wird bei dem Feind am meisten Eindruck machen. <pb n="8"/></p></div></div></div></div></body></text></TEI>
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